Das ist nicht die URL eines empfehlenswerten Internet-Angebots zum Thema Heimat, Lokalgeschichte, Heimatgeschichte (es gibt unter dieser Adresse nur eine inhaltsleere Stellvertreterseite eines Domainreservierers).  Es ist vielmehr der Titel eines Theaterstücks von Holger Schober, einem jungen Dramatiker aus Österreich. Heimat.com wurde vor sechs Wochen in den Kammerspielen des Theaters Heilbronn uraufgeführt, und ich habe mir das beeindruckende Stück gestern abend angesehen.

Dies ist keine Theaterkritik, keine Bewertung des Stücks oder der Inszenierung. Mich beschäftigt einmal mehr die Frage, ab wann das Schicksal von Migranten – im konkreten Fall geht es um Kosovoflüchtlinge in Österreich – Teil einer Heimatgeschichte, einer Lokalgeschichte wird? Der Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg kommt inzwischen in den meisten Heimatgeschichten und auch manchen Heimatmuseen vor, vielfach gibt es ja auch „Heimatstuben“, in denen diese Migranten ihrer verlorenen Heimat gedenken. Aber Heimatstuben für Kosovoflüchtlinge? Für Kurden? Vietnamesen? Afrikanische Bootsflüchtlinge, die an den Grenzen Europas stranden?

Heimatgeschichte – und da unterscheidet sie sich von Lokalgeschichte – ist die Suche nach der verlorenen Heimat, der verlorenen Heimat der ehemaligen Migranten, der verloreren Heimat der „schon immer“ Dagewesenen, die im Prozess der Industrialierung, Modernisierung scheinbar verloren gegangen ist. Heimat im Sinne des Ganzheitlichen, Unmittelbaren, des Noch-in-Ordnung-Seins, des „Früher war alles besser“, die gute alte Zeit, als eine Brezel noch 5 Pfennige kostete und Jugendliche in der Straßenbahn den Erwachsenen ihren Platz überlassen haben.

Heimatgeschichte ist in diesem Sinn auch ein Wohlstandsphänomen; für die zerstörten Dörfer der Kosovoflüchtlinge wird keine Heimatgeschichte geschrieben; es wird auch keine Ortssippenbücher geben, keine Heimatmuseen. Von Haiti will ich gar nicht erst anfangen.

Lokalgeschichte muss darüber hinausgehen; die lokale historische Erzählung schließt die gesamte Entwicklung ein, auch die Aspekte, die eine Verklärung der Vergangenheit als noch intakt verhindern. Und sie stößt schnell darauf, dass sich gerade Lokalgeschichte dazu eignet, Geschichte als die Geschichte von Wanderungsbewegungen, erzwungenen und frei gewählten, zu betrachten. Ein solche Perspektive der historischen Erzählung bietet sich gerade für eine Stadt wie Heilbronn an, in der aktuell 46 % der Bevölkerung eine Zuwanderungsgeschichte haben – in den vergangenen 2 Generationen, die Nachkriegsmigranten also nicht mitgerechnet.

Lokalgeschichte wird in der globalisierten Welt zunehmend mit der Abgrenzung ihres geographisch und / oder administrativ je klar umrissenen Fachgebiets  beschäftigt sein. Wobei sie im Übrigen kein deutsches Phänomen ist – vor anderthalb Jahren war ich etwa in einem chinesischen Heimatmuseum in der Nähe von Beijing, eingerichtet von den Bewohnern des ehemaligen Dorfs Wali. Das Dorf hatte dem Nationalstadion und dem Gelände für die Olympiade 2008 weichen müssen.

Heimatmuseum des ehemaligen Dorfs Vali bei Beijing

Heimatmuseum des ehemaligen Dorfs Wali bei Beijing

Aber das ist eine andere Geschichte…