In der Nacht vom 14. auf den 15. April 2012 jährt sich der Untergang der Titanic zum 100. Mal. Das Thema wird im Moment von allen Medien gerne aufgegriffen. Aber auch in der Lokalgeschichte kann so ein Ereignis Eingang finden. Den folgenden  Text habe ich 1997 für das Gemmrigheimer Heimatbuch geschrieben:

Das Leben des Bäckers und Wirtes Fritz Zürn hat in Gemmrigheim viel Stoff für Erzählungen gegeben – Fritz Zürn wurde in den fünfziger Jahren als Überlebender des Untergangs der „Titanic“, der berühmtesten Schiffskatastrophe der Welt, gefeiert.

Vor allem im Zusammenhang mit der Premiere des Films „Titanic“ 1950 in Stuttgart, bei der Zürn anwesend war und auf der Bühne vorgestellt wurde, berichteten viele Zeitungen über seine Erinnerungen an seine Zeit als Schiffskoch auf der „Titanic“, wie auch später regelmäßig aus Anlaß der wiederkehrenden Jahrestage des Ungücks. So schrieben die Stuttgarter Nachrichten über die Nacht vom 14. auf den 15. April, als das als unsinkbar geltende Riesenschiff mit einem Eisberg kollidierte: „Fritz Zürn hatte nur einen leichten Stoß bemerkt. (…) Er wurde dem Rettungsboot 2 als Führer zugeteilt, das mit anderen über die eiskalten Wasser dahingerudert wurde, vorbei an eisstarrenden, schluchzenden, schreienden und irrsinnigen Menschen. Sie hatten 50 Frauen aus allen Schichten, jüngere und ältere, auch zwei Kinder an Bord. Ein vierjähriges Mädchen, das Zürn aus dem Wasser zog, starb kurz darauf. Nach dreieinhalb Stunden ging wie vielen anderen auch ihm die Kraft aus; er erlitt einen Nervenschock und verlor das Bewußtsein“ (Stuttgarter Nachrichten vom 22. September 1955).

Anfang der sechziger Jahre tauchten erste Zweifel an der Geschichte auf, als ein Jounalist der „Frankfurter Rundschau“ auf Widersprüche in den Erzählungen von Zürn stieß und dieser auf Nachfragen weitere Auskünfte verweigerte. Diese Widersprüche beziehen sich vor allem auf die von Zürn ausgeschmückte Begebenheit mit dem geretteten Mädchen – „in meinem Boot befanden sich ausschließlich Frauen. Nur Abstand gewinnen von dem sinkenden Wrack – das war unser einziger Gedanke. Schwer glitt das Boot auf den Wellen. Da streckten sich zwei Kinderarme aus dem Wasser. Ich zog die Kleine an Bord. Sie trug einen großen Namen: Astor“ (Frankfurter Rundschau 1962). Letzteres jedoch ist ein Ding der Unmöglichkeit – Colonel John Jacob Astor befand sich mit seiner jungen Frau Madeleine auf Hochzeitsreise; sie hatten keine Kinder.

Gleichfalls stieß auf Widerspruch, daß das Rettungsboot 2 nur mit Frauen besetzt gewesen sei – in diesem Boot befanden sich auch der Vierte Offizier des Schiffes, Joseph Groves Boxhall, sowie zwei weitere Mannschaftsmitglieder.

Dass sein Name nicht in den offiziellen Mannschaftslisten erscheint, hat Fritz Zürn damit erklärt, daß er erst wenige Stunden vor dem Auslaufen des Schiffs in Southhampton angeheuert habe.“

(Römer, Reben und Papier. Gemmrigheim in Geschichte und Gegenwart. Bearb. v. Peter Wanner et al. Gemmrigheim 1997, S. 434 f.)