Viele Heimatforscher lieben es geradezu, nach runden Jahrestagen zu suchen, die Anlass für eine Jubiläumsfeier bieten könnten. Darüber war hier an dieser Stelle schon vielfach die Rede. Leider stoßen wir Historiker bei der Überprüfung solcher Jubiläumswünsche oft darauf, dass die historischen Daten nicht eindeutig sind – wie im Landkreis Heilbronn aktuell die 1250-Jahr-Feiern mehrerer Gemeinden und Städte, deren Ersterwähnungen auf Schenkungen zur Zeit König Pippins an das Kloster Lorsch zurückgehen (und deren Datierung nach Regierungsjahren Pippins strittig ist; aber vielleicht gibt das noch ein eigenes Thema im wieder auflebenden Blog).

In der Gemeinde Flein gibt es in diesem Jahr jedenfalls einen Anlass, der nicht eindeutig zu datieren ist: Der Veitsaltar in der evangelischen Kirche wurde entweder 1517 oder aber 1514 errichtet.

Bis in die 1980er Jahre ging die gesamte ortsgeschichtliche Literatur davon aus, dass der Altar 1517 geschaffen worden sei (und damit in diesem Jahr parallel zum Jahrestag von Luthers Thesenanschlag 500 Jahre in der Fleiner Kirche steht); dieses Datum las man u.a. auf dem rechten Flügel des Altars im Fenster des dort abgebildeten Turms.

So heißt es etwa im großen Heilbronn-Buch von Helmut Schmolz und Hubert Weckbach (Heilbronn. Geschichte und Leben einer Stadt in Bildern. Weißenhorn 1971 2. Aufl. Weißenhorn 1973, Nr. 107 S. 55):

Der dem hl. Veit, dem Kirchenpatron, gewidmete spätgotische Altaraufsatz ist 1517 von dem Heilbronner Bürgermeister Konrad Erer in die Kirche gestiftet worden.

Auch Hartmut Gräf folgt in seinem „kleinen Führer“ durch die Fleiner Kirche noch dieser Datierung: „Das Retabel ist 1517 datiert.“ (Gräf, Harmut: Die Fleiner Veitkirche mit dem Altar Jörg Kuglers. Ein kleiner Führer durch die Kirche. Hg. v. Evangelische Kirchengemeinde Flein. Flein 1980, S. 10).

Unabhängig von der Frage, welcher Künstler den Altar geschaffen hat – Gräf weist ihn Jörg Kugler zu – revidierte der damalige Direktor des Heilbronner Stadtarchivs Helmut Schmolz  in einem Vortrag 1985 seine oben zitierte Datierung auf 1514 und begründete dies so:

Im Jahre 1791 wurde der Heilbronner Sekretär nach Flein zu einer Kirchenbesichtigung gerufen. In seinem Bericht an die Stadt gab er auch eine Beschreibung des Veitaltars, in der es heißt: ‚Auf der Einfassung oder Rahm stehet die Jahreszahl annotirt 1514.‘ Diese Jahreszahl ist heute nicht mehr sichtbar, offensichtlich wurde sie bei Restaurierungen überstrichen, wie es z. B. durch den Neckarsulmer Vergolder und Maler Kampter im Jahre 1842 geschehen sein kann. Auch die als 7 gelesene Zahl in der Jahreszahl im Turm sollte man eher als 4 statt als 7 lesen.

Diese neue Datierung wurde teilweise in der kunsthistorischen Literatur übernommen – etwa in der Rezension eines Buchs über Jörg Ratgeb (Kaiser, Ute-Nortrud: Jerg Ratgeb – Spurensicherung. Frankfurt am Main 1985. Kleine Schriften des Historischen Museums Frankfurt 23) durch Heribert Hummel (Hummel, Heribert: Der Maler Jerg Ratgeb und die Heilbronner Karmeliten. Zur Frage nach dem Maler des Hochaltars in der Heilbronner Karmelitenkirche. In: Schwaben und Franken 32 (1986) 4, S. 1 ff.). Hummel schrieb darin über den Fleiner Altar:

Für Kaiser ist im Zusammenhang mit der Stiftung eines Altars für Erers Tochter von Bedeutung, daß er  [Erer] 1514 einen kleinen Hochaltar in die Kirche von Flein stiftete (heute an der Seite auf gestellt).

Ich selbst habe diesen Widerspruch im Fleiner Heimatbuch referiert (Wanner, Peter: Vom Mittelalter in die Neuzeit. In: Flein, Flein, du edler Fleck. Flein 1988, S. S. 114 f.):

Es bleibt bis heute strittig, wann der Altar genau entstanden ist und wer ihn geschaffen hat […].

Eine ähnliche Haltung nimmt Wikipedia ein (https://de.wikipedia.org/wiki/Veitskirche_(Flein) rev. 2017-05-13):

Der dem Heiligen Veit geweihte spätgotische Flügelaltar, der auf einem der Flügel mit 1514 oder 1517 datiert ist, wurde von dem Fleiner Vogt und Heilbronner Bürgermeister Conrad Erer gestiftet.

Der Altar in der Fleiner Kirche (Fotosammlung Heimatverein Flein)

Der Altar in der Fleiner Kirche (Fotosammlung Heimatverein Flein)

Die von Schmolz ohne genaue Angaben zitierte Quelle für die Jahreszahl 1514 konnte bisher nicht ermittelt werden – im Ratsprotokoll der Stadt Heilbronn war kein solcher Eintrag für 1791 zu finden; auch im Fleiner Gemeindearchiv gab es bisher keinen Hinweis; sowohl eine handschriftliche Ortschronik aus dem Jahr 1860 (Gemeindearchiv Flein B 313, S. 39: „Sehenswert ist der Hochaltar von schönem Schnitzwerk und Malereien; auf der inneren Seite der linken Flügelthüre stehet unten und oben die Jahreszahl 1517 und in der Eke ein doppeltes Kreuz; das Wappen des HeiligengeistOrdens zu Memmingen […]“) als auch eine „Beschreibung des Hochaltars in der Kirche“ (Gemeindearchiv Flein A 802) von 1864/65 beharren auf 1517:

Die hiesige, dem h. Veit geweihte Kirche, welche nach einer, über dem Haupteingang eingehauenen Jahreszahl zu schließen, im Jahr 1432 erbaut wurde, ist, mit Ausnahme des Thurms im Jahr 1841, weil sie für die Gemeinde zu klein war abgebrochen und neu gebaut und am 19. Jun. 1842 eingeweiht worden. Im Chor der alten Kirche befand sich auf dem Altar ein Aufsatz, die Geschichte des Märtyrerthums des h. Veit vorstellend, welcher 1842 von dem geschickten Vergolder u. Maler Kampter in Neckarsulm um 217 fl., wozu von einzelnen Gliedern der Gemeinde über 100 fl. beigesteuert wurden, restauriert und in die neue Kirche gesetzt wurde.  […] Der ganze Hochaltar scheint eine Stiftung eines Herrn v. Bärlin aus Heilbronn zu seyn, denn auf dem einen Seitenflügel ist unten der Bärlinsche Familienwappen gemahlt, auf dem anderen steht die Jahreszahl 1817 1517.

Verwirrung besteht hier nur über den Stifter des Altars, die einesteils vom abgebildeten Wappen herrührt – es zeigt einen Bären -, anderenteils daher, dass sich in den fraglichen Jahren die Bürgermeister Conrad Erer und Caspar Berlin als Vögte in Flein ablösten (vgl. die Liste der Bürgermeister der Stadt Heilbronn). Das erwähnte Wappen schafft jedoch Eindeutigkeit: Es ist das Wappen der Familie Erer; die Berlin hatten als Wappen keinen Bären (wie man zunächst meinen sollte), sondern als Beren bezeichnete kegelförmige Netze zum Fischfang.

Die Frage der Datierung scheint damit geklärt. Aber muss wirklich jedes Jubiläum begangen werden?


Nachtrag 30.06.2017

Der Augenschein bestätigt die oben wiedergegebene Überlegung:

Flein, St. Veits-Altar, Detail aus dem rechten Seitenflügel

Flein, St. Veits-Altar, Detail aus dem rechten Seitenflügel