In Flein gibt es Bemühungen, die eingeschlafene Tradition des Kirchweih-Fests – die Fleiner „Kärwe“ – wieder aufleben zu lassen.

Dagegen schreibt ein besorgter Bürger: „Aber das war immer eine Familienveranstaltung – man hat sich gegenseitig besucht und ist zum Essen / Trinken in eine der Fleiner Wirtschaften gegangen. War nie eine große Vereinsveranstaltung […].“

Kärwe in Flein; um 1905

Hat er Recht? Sollten die Festplaner Rücksicht auf die so beschriebene Tradition nehmen? War die Fleiner Kärwe schon „immer“ eine reine Familienveranstaltung? Fotos wie dieses lassen uns genauso stutzen wie die Verwendung des Adverbs „immer“: In der Geschichte gibt es kein „immer“; jede Tradition ist vielmehr genauso historischen Veränderungen unterworfen wie das gesamte gesellschaftliche Leben.

Sehen wir uns die Tradition der Fleiner Kärwe näher an. Eine der ältesten Beschreibungen liefert uns Schullehrer Friedrich Färber, seit 1896 in Flein, in seinem „Konferenzaufsatz“ für die Landesstelle für Volkskunde aus dem Jahr 1900. Er schreibt dort über das Fleiner Brauchtum und die Festtage:

An der Kirchweih, „Kärwe“ wird massenweise „Kärwekuchen“ vertilgt u. in den Wirtshäusern sehr viel „Kärwewein“ getrunken, der von „ganz besonderer“ Güte ist u. regelmäßig einen ordentlichen „Kärwe-Möntichs“-(Kirchweihmontags)-Kopf zuwegebringt. Auch ist ein kleiner Markt mit Karussel am Kirchweihsonntag sehr besucht, namentlich von Heilbronnern u. Sontheimern u. Bewohnern anderer Nachbarorte.

Dem entspricht die Beschreibung im ersten Fleiner Heimatbuch von 1908 von  Rektor Paul Fähnle:

Heisa! Juchheia! Dudeldumdei! Da geht’s ja hoch her! Der Fleiner ist recht dabei – bei der Kirchweih. Sie ist ja nur einmal im Jahr, und wer wollte sich nicht auch einmal wieder austoben. Und früher besorgte man das noch mehr als heute. Die ledige Jugend hielt ihre Batzen vielfach zusammen auf diesen Tag, und ließ es dann auch „krachen“. Bis zum Jahr 1784 wurde die Kirchweih am Pfingstmontag gehalten. […] Erst im 19. Jahrhundert wurde der zweite Sonntag im September festgesetzt.

Im Heimatbuch von 1988 hängt der Verfasser seinen Erinnerungen nach und setzt diese allgemein: „Am Samstag mittag, wenn das Karussell zu dudeln anfing, begann die Kärwe. Pfarrer Eitle stand schon mitten auf dem Platz, die Hände voller Freikarten, für die er bei der Kinderschar schnell Abnehmer fand.“ Es gab in der Vorkriegszeit auch Kärwetanz in den größeren Gaststätten.

Ich selbst hege meine eigenen Erinnerungen – der Festplatz lag nun in den 1960er Jahren beiderseits der „Bech“, vor der Turnhalle und entlang der Bachstraße. Das Karussell war mit Pferden und Autos bestückt; auch an die Schiffschaukel erinnere ich mich. Und es war noch immer ein öffentliches Fest, das die Leute auf den Festplatz und in die Gaststätten lockte.

In der weiteren Entwicklung veränderte sich das Fest und verschwand schließlich fast ganz. Die Veränderungen der Tradition lassen sich aus der jeweiligen Zeit heraus erklären – es gibt einen Traditionskern (im Fall der Kärwe das Feiern und der Zusammenhang mit der Kirchweihe bzw. dem Tag des Kirchenheiligen – in Flein allerdings schon sehr früh verändert, der Tag des Heiligen Vitus ist der 15. Juni) und daneben eine sich im Lauf der Zeit grundlegend wandelnde Art und Weise des Feierns.

Traditionen und ihre Auslegung kommen deshalb auch einmal aus der Mode – so ging es der Fleiner Kärwe in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten. Und sie  werden oft verklärt – als Widerhall der guten alten Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Traditionen sind ein Hort der Nostalgie.

Aber die gute alte Zeit hat es nie gegeben, die Zeit, in der alles noch in Ordnung war. Und jede Epoche kennt dieses Gefühl, dass es früher besser war, kompletter. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, weiß das: Die Menschen in der Vergangenheit haben sich auch schon nach der Vergangenheit gesehnt.

Traditionen sind nichts Feststehendes. Sie müssen leben und gelebt werden, sie müssen sich verändern, um nicht zu sterben. Wir können gespannt sein, ob das der Fleiner Kärwe gelingt.